4 Familien mit insgesamt 11 Arten von Bartenwalen sind weltweit wissenschaftlich bekannt. Davon kommen mindestens 5 Arten der Familie der Furchenwale (Balaenopteridae) in den Gewässern um Gomera vor.
Mit Ausnahme des Pottwals, der zu den Zahnwalen gehört, sind alle Groß-Wale Bartenwale. Und es ist wirklich seltsam, dass die Natur es so eingerichtet hat, dass ausgerechnet die größten Tiere der Welt sich von den allerkleinsten Lebewesen ernähren. Bartenwale leben nämlich hauptsächlich von Krill, winzigen Krebstierchen, die im Meer treiben. Mit ihren Barten, das sind hornartige Platten, die vom Gaumen herabhängen, filtern sie sich diese Nahrung aus dem Wasser.
1. Der Finnwal - Rorcual común
(Balaenoptera physalus)
Unter den Walen, die auf ihren weltweiten Wanderungen regelmäßig in den Gewässern um Gomera herum auftauchen, ist der Finnwal einer der größten. 24 m lang kann er werden, und damit kaum kleiner als der Blauwal, das größte Tier, das je auf Erden gelebt hat. Mächtig bläst er beim Auftauchen und Ausatmen ein Luft-Wasser-Gemisch bis 6 m hoch in die Luft. Und das 4 bis 6 mal, bevor er wieder ca. 200 m tief abtaucht. Bläst er nahe beim Boot, dann weiß man gleich, warum der Finnwal oft als Einzelgänger umherzieht: Mundgeruch macht bekanntlich einsam. Die Luft, die so ein Wal auspustet, stinkt dermaßen nach Tran und vergammeltem Fisch, dass es empfindlichen Zeitgenossen regelrecht den Magen umdreht. An diesem "Blas", der oft die Form eines großen, weißen Kreisels hat, kann man Finnwale auf relativ große Entfernung ausmachen. Aber wer glaubt, er könne ihnen nachjagen, der irrt. Finnwale sind - nach den Seiwalen - wahrscheinlich die schnellsten unter den großen Meeressäugern überhaupt. Geschwindigkeiten von über 32 km/h können sie entwickeln und an einem einzigen Tag fast 300 km weit schwimmen.
Wahrscheinlich verdanken sie es dieser Fähigkeit, dass sie in den blutigsten Zeiten des kommerziellen Walfangs, als der Blauwal beinahe ausgerottet wurde, noch ziemlich ungeschoren davonkamen. Sie waren für die früheren Walfangschiffe einfach zu schnell.
Erst in den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als der Blauwal schon selten wurde, entwickelte die Walfangindustrie Schiffe, die auch für den Finnwal schnell genug waren. Und damit wurden dann auch diese Tiere in so großen Mengen abgeschlachtet, dass sie bereits nach wenigen Jahren ebenfalls vom Aussterben bedroht waren.
Finnwale trifft man - wie gesagt - meist einzeln oder paarweise. Sie verbringen den heißen Sommer in nördlichen, kühlen Gewässern; im Winter reisen sie südwärts. (Und können dann auch vor Gomera gesichtet werden). Ihre Jungen bekommen die Finnwale im Winter. Jedes zweite oder dritte Jahr - nach Erreichen der Geschlechtsreife - wird nach 12-monatiger Schwangerschaft ein "kleiner" Finnwal geboren. Er ist bei seiner Geburt bereits mehr als 6 m lang.
Finnwale ernähren sich - wie alle Bartenwale - vornehmlich von Plankton, frei im Meer schweben Kleinstlebewesen. Aber sie fressen auch Tintenfische und kleine Heringe, Sandspierlinge, Laternenfische und was ihnen sonst noch gerade vor dem Maul herumschwimmt Hier, vor Gomera, scheinen sie eine Vorliebe für Schnepfenfische zu haben.
2. Der Seiwal - Rorcual norteño
(Balaenoptera borealis)
Es gibt (nach der letzten Zählung von 1987) derzeit in den Ozeanen der Welt noch ca. 200.000 Seiwale. Die meisten von ihnen leben im Pazifik - um Australien herum. Bei uns, im nördlichen Atlantik, wurden sie von Walfängern so stark dezimiert, dass sie heute unter dem besonderen Schutz der Internationalen Walfang-Kommission stehen.
17,1m lang werden die Männchen, 18,6 m die Weibchen. Mit 6 bis 12 Jahren werden sie geschlechtsreif - dann sind sie bereits 12 bis 13 m lang. Neugeborene Seiwale sind 4,5 bis 4,8 m lang. Erkennungsmerkmal ist eine Art "Nasenrücken", der sich vom Blasloch bis zur Spitze des Mauls erstreckt. Außerdem hat der Seiwal an beiden Kiefern lange, weiße Barten (bis 80 cm) die irgendwie an Barthaare erinnern.
Normalerweise reist der Seiwal in Gruppen von zwei bis fünf Tieren. Seiwale gelten als die schnellsten Schwimmer unter den Bartenwalen. Mühelos erreichen sie eine Geschwindigkeit von 50 km/h. Nach Gomera kommen die Seiwale vorwiegend in den Wintermonaten, während sie im Sommer bis Nordnorwegen und Island ziehen.
Auf den Whale-Watching-Fahrten des Club de Mar Valle Gran Rey wurden schon mehrfach Seiwale gesichtet (und fotografiert) - aber weil sie den Finnwalen sehr, sehr ähnlich sind, streiten sich die Experten jedes Mal, ob es sich bei dem gesichteten Tier denn nun wirklich auch um einen Sei-, oder nicht doch um einen Finnwal gehandelt habe. "Seiwale haben eine graue, rechte Unterlippe," sagen die Experten, "daran kann man sie ganz deutlich erkennen." Aber weil die Unterlippe immer unter Wasser und so allenfalls auf Unterwasser-Fotos zu sehen ist, hilft dieses Unterscheidungsmerkmal wenig.
Andererseits ist es für den begeisterten Walfahrer von untergeordneter Bedeutung, ob dieses riesige, dicht beim Boot blasende Tier, nun ein Finn- oder ein Sei-Wal ist. Das Erlebnis, ihm da draussen auf dem Meer live begegnet zu sein, ist in jedem Falle immer wieder sensationell.
3. Der Brydewal - Rorcual tropical
(Balaenoptera edeni)
Der Brydewal ist dem Seiwal so ähnlich, dass er früher selbst von Walfängern nicht als besondere Spezies erkannt wurde. Im Nordpazifik (wo er übrigens immer noch gejagt wird !) wurden 1987 noch 14.000 Tiere gezählt, während es im gleichen Gebiet einmal mindestens 210.000 waren. Zahlen aus anderen Meeren liegen nicht vor.
Brydewale leben in tropischen und subtropischen Meeren, wo es ihnen so gut zu gefallen scheint, dass sie nicht - wie andere Bartenwale - in den Sommermonaten in kältere Gewässer reisen. Auch das ist ein Hinweis für uns: Wenn wir im Sommer einen großen Bartenwal vor Gomera sehen, dann handelt es sich - auch wenn wir ihn nicht genau bestimmen können - mit größter Wahrscheinlichkeit um einen Brydewal (und nicht um einen Finn- oder Sei-wal).
Während der Finnwal im übrigen nur eine einfache Kopfleiste hat, verfügt der Brydewal über drei. Brydewale sind etwas kleiner als Finnwale. Die Männchen werden ca. 12, die Weibchen 13 - 14 m lang. Obwohl schon größere Brydewal-Gruppen (in 1 bis 2 sm Abstand) gesichtet wurden, scheint der Brydewal eher ein Einzelgänger zu sein, der sich allenfalls mit einem anderen Tier zusammentut um dann paarweise zu reisen.
Jedes zweite Jahr (meist im Herbst) gebiert ein Brydewal-Weibchen ein Junges, das dann ein Jahr lang gesäugt wird.
Ähnlich den Mink-Walen gelten auch die Brydewale als sehr neugierig. Manchmal, wenn man sich lautlos im Boot treiben lässt, tauchen sie mächtig schnaubend auf und betrachten Boot und Insassen, als seien sie selbst äußerst interessiert daran, festzustellen, um was für eine merkwürdige Spezies es sich denn da handelt, die so friedlich auf dem Meer herumdümpelt.
4. Der Minkwal - Rorcual aliblanco
(Balaenoptera acutorostrata)
Minkwale sind die kleinsten unter den Bartenwalen. Sie werden "nur" etwa 10 m gross und "nur" etwa eine Tonne schwer. 2,4 bis 2,8 m messen sie bei ihrer Geburt. Nach sieben bis acht Jahren sind sie geschlechtsreif. Dann messen die Männchen 6,7 bis 7 m, die Weibchen 7,3 bis 7,9 m.
Hier, zwischen den Inseln, trifft man Minkwale meist einzeln, paarweise oder auch in Dreier-Gruppen. Schulen von mehreren hundert Tieren gibt es nur im Sommer und nur in polaren Gewässern, von wo sie sich dann offenbar allein oder in kleinen Gruppen auf Reisen von über 9.000 km begeben.
Dass man ihnen - im Gegensatz zu anderen Bartenwalen - relativ häufig begegnet, liegt wohl an ihrer Neugier. Oft kommen sie an lautlos treibende Boote dicht heran, tauchen auf, werfen einen prüfenden Blick und verschwinden wieder. Dabei heben sie ihre Fluke nicht - wie andere Wale - hoch aus dem Wasser, sondern tauchen beinnahe lautlos und unauffällig ab. Manchmal aber springen sie auch hoch aus dem Wasser um anschließend klatschend auf die Oberfläche zurückzufallen, oder aber mit elegantem "Kopfsprung" wieder in den Wellen zu verschwinden. Minkwale leben von "Krill", winzigen Lebewesen die im Meer treiben, von kleinen Brutfischen, oder von Tintenfischen - sie fressen jeweils das, was es in der Gegend, in der sie sich gerade befinden, gibt. Darum scheinen sie auch weniger bestimmtem Futter nachzuschwimmen (wie andere Wale), sondern sich jeweils einzurichten. Minkwale werden - vor allem in bestimmten Teilen der südlichen Hemisphäre - sehr häufig die Beute von Orcas.
Aber der größte Feind des Minkwals ist nach wie vor der Mensch. Japaner und Koreaner jagen Minkwale vor ihren Küsten, und allein die Norweger hatten schon bis 1973 über 52.000 Tiere abgeschlachtet. Das Morden geht weiter.
5. Der Blauwal - Rorcual azul
(Balaenoptera musculus)
Als der Club de Mar Valle Gran Rey im April 1999 die ersten Blauwale vor Gomera entdeckte, war das eine kleine wissenschaftliche Sensation. Schließlich waren auf den Kanarischen Inseln bis zu diesem Zeitpunkt noch nie Blauwale gesichtet worden. Und hätten wir die Sichtungen nicht eindeutig durch Fotos und Videos belegen können - wahrscheinlich hätte uns niemand geglaubt.
Blauwale sind nicht nur die größten Wale - sie sind die größten Tiere, die jemals auf diesem Planeten gelebt haben. Sie können über 33 Meter lang und fast 200 Tonnen schwer werden. Zu Beginn des internationalen Walfangmoritoriums von 1982 waren sie fast ausgerottet. Kaum jemand glaubte damals, dass sich diese Art jemals wieder in nennenswertem Umfang würde vermehren können. Die Blauwal-Gruppe jedoch, die wir hier vor Gomera sichten konnten, hatte ein Jungtier dabei. Vielleicht gibt es ja doch noch ein wenig Hoffnung.
2 bis 6 Minuten lang atmet so ein Blauwal für gewöhnlich an der Oberfläche. Dann taucht er für 5 bis 20 Minuten in eine Tiefe von ca. 150 m ab.